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View Full Version : Leben im Mittelalter


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HappyAdolf
13-07-2004, 20:02
Jetzt lasst uns mal zum Thema zurückkehren, okay!

cygro
14-07-2004, 13:03
Wenn nur dieser verfluchte Ochsentreiber nicht wäre! Jeden morgen trampelt er mit seinem Gespann durch meine Gasse um die Taverne mit frischem Bier zu versorgen. Mit seinem Gebrüll, das eigentlich den Ochsen antreiben sollte, weckt er jeden morgen noch vor der ersten Dämmerung die halbe Stadt auf. Ein lautes Klatschen, das vermutlich von einem Becken voll Küchenabfälle erzeugt wurde, das eine Nachbarin nach ihm geworfen hat, zeigt dass ich nicht der einzige bin, dem die Störung der wohl verdienten Nachtruhe gewaltig auf den Keks geht. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich mir vorstelle wie der Ochsentreiber mit halb verfaulten Salatblättern und vergammeltem Möhrenkraut auf seiner speckigen Glatze aussieht.
Da ich bereits wach bin und wegen der beissenden Kälte die an einem frühen Morgen im Oktober durch das notdürftig geflickte und nur mit einem, unzählige male zusammengeflickten Tuch isolierte Fenster in meine kümmerliche Kammer dringt, onehin nicht mehr schlafen kann, krieche ich unter meiner alten Wolldecke hervor. Als ich meinen Fuss auf den Boden setzen will, spüre ich wie ich auf etwas weiches trete. "******* Ratten", denke ich während ich reflexartig versuche meinen Fuss ausser Reichweite der Rattenzähne zu bringen. "Irgendwann werden diese Biester uns alle mit der Pest verseuchen".
Nachdem sich die Ratte verzogen hat, stehe ich endgültig auf und ziehe meinen schäbigen Vorhang nach oben, damit ich wenigstens ein bischen Licht in meiner Kammer habe. Das schwache Licht der Laterne an der gegenüberliegenden Hauswand reicht gerade so aus um meine Kleider zu finden und einigermassen zu ordnen. Noch immer schlafbetrunken ziehe ich meine zerschlissene Arbeiterhose an, die seit Urzeiten weder Seife noch Faden gesehen hat. Das Hend und die Jacke sehen nicht viel besser aus. Ausser einem gelegentlichen Bad Fluss vor der Stadt werden diese Kleider nicht gewaschen. Seife kann ich mir nicht leisten und am Brunnen auf dem Hauptplatz ist das Waschen von Kleidern verboten. Der Herold hat gesagt es sei wegen der Hygiene, viele meinen aber es ist dass die Gäule der Stadtoberen kein schmutziges Wasser saufen müssen.
Unmotiviert und frierend verlasse ich meine Kammer und während ich durch den Gang an, den anderen Jungesellenkammern vorbei, und die Treppe hinunter auf die Strasse gehe, reibe ich mir den letzten Schlaf aus den Augen und überlege wo ich am besten etwas essbares her kriegen könnte.

--== Fortsetzung folgt ==--

Kuno of Gersenau
14-07-2004, 13:13
:go: Tolle strory! :go:

Freue mich schon auf die Fortsetzung...

Achja, Willkommen in unserem Forum! :hello: :cheers:

HappyAdolf
14-07-2004, 14:30
Daran erfahren wir: Bauern und arme Arbeiter hatten ein ******* Leben :D
Iss echt gut geschrieben, wirklich.Und das mitm ersten Post! Weiter so!

cygro
14-07-2004, 18:23
Essen. Schon alleine bei diesem Wort wird es mir beinahe schlecht. Jeden Tag der selbe Kampf. Wo findet man was zum Essen wenn man fast kein Geld hat? Ich durchsuchte meine Hose nach Geld. Eine Schweineblase konnte ich mir nicht leisten, aber zum Glück war die linke Hosentasche noch ganz. Mein aktuelles Vermögen belief sich auf magere zwei Broncestücke. In den Wirtshäusern gibts dafür gerade mal einen Teller wässerige Gemüsebrühe, ein Stück trockenes Brot und einen Becher gepanschtes Bier. Für einen ganzen Tag reicht das nirgendwo hin. Aber was sollte ich tun? Auf dem Markt würde ich für mein Geld ungefähr ein halbes Pfund Brot, zwei oder drei Äpfel und ein par Karotten oder eine Rübe eralten.
Ich entschied, dass die letztere Möglichkeit auf jeden Fall die bessere sei und schlug den Weg Richtung Marktplatz ein.
Der Weg führte mich die leicht abschüssige Gasse in der ich wohne hinunter zur Hauptstrasse. Der Boden besteht hier nur aus gestampfter Erde und überall liegen Küchen- und andere Abfälle herum, welche von den Kindern - meistens Waisenkinder oder Kinder aus Bettlersfamilien - aufgesammelt und für etwas zu Essen zu den Bauern vor der Stadt gebracht werden. Der Fäulnisgeruch der von diesen Abfällen ausgeht bildet zusammen mit dem Gestank von Hunde- und Rattenexkrementen und dem Morast des Bodens eine Geruchskulisse die kaum auszuhalten ist. Aber der Mensch gewähnt sich mit der Zeit ja bekanntlich an alles.
Unten auf der Hauptstrasse herrscht ein ganz anderes Klima. Die Strasse ist mit Steinen gepflastert und hat auf beiden Seiten einen Kanal in dem Abfälle in ein unterirdisches Kanalsystem geleitet werden und von dort in den Fluss gelangen. Pfärdeäpfel werden von den älteren Kindern und teilweise auch von Tagelöhnern, aufgesammelt und an die Gärtner der Adeligen und Kleriker zur Düngung der Rosen und anderen Blumen verkauft. Wer wann und auf welcher Strecke aufsammeln darf ist ganz genau geregelt. Hin und wieder gibt es richtige "Revierkämpfe", welche nicht selten mit gebrochenen Nasen und blutenden Lippen enden.
Die Hauptstrasse führt mich direkt auf den Hauptplatz. Dieser bildet das Zentrum der Stadt und ist mit seinem prunkvollen Brunnen, dem Pompösen Rathaus und den angrenzenden Häusern der Kaufleute der ganze Stolz unserer Stadtoberen. Der Brunnen führt das sauberste Wasser der ganzen Stadt. Ich gönne mir einen grossen Schluck aus einem der verzierten Bronce-Rohren.
Vom Hauptplatz führt eine schmale Gasse zwischen Zwei grossen Häusern hindurch direkt zum Marktplatz.

--== Fortsetzung folgt ==--

HappyAdolf
14-07-2004, 18:49
He, die Geschichte ist genial!
Super

King Arthur
15-07-2004, 23:12
@cygro: Herzlich willkommen in unserer Gemeinschaft
Hast du schon mal darüber nachgedacht ein Buch übers Mittelalter zu schreiben? Die Texte sind wirklich super! Könnte der Anfang eines guten Romans sein....hoffentlich wird aus dem Anfang noch ein Roman!

HappyAdolf
16-07-2004, 13:44
Ja, genau! Den könntest du gut vermarkten! Ich würd ihn sofort kaufen!

cygro
16-07-2004, 22:44
Vielen Dank für die Gute Aufnahme hier im Forum. :cheers:
Honor scheint hier nicht nur der Titel des Forums zu sein :go:
Einen Roman werde ich in absehbarer Zeit wohl kaum schreiben, da muss ich euch leider entteuschen ;( Dazu fehlt mir ganz einfach die Zeit... Aber hin und wieder mal eine neue Szene in meiner Fortsetzungsgeschichte sollte schon drinn liegen. Aber seid mir nicht böse, wenns mal etwas länger dauert. Hab ziemlich viel um die Ohren. Mit Arbeit und Freizeitarbeit...

Nun zur Geschichte:

Der Marktplatz ist um diese Zeit noch fast menschenleer. Die ersten Bauern und Händler sind eben angekommen und beginnen ihre Wagen abzuladen und Stände aufzubauen.
Nur wenige Schritte von mir entfernt versucht eine alte Bäuerin einen grossen Korb voller Äpfel von ihrem Eselkarren zu heben, als plötzlich zwei Hunde aus einem Hauseingang gerannt kommen. Vom lauten gekläffe erschreckt, macht der Esel der alten Bäuerin einen Sprung nach vorne. Der Korb, den Sie gerade vom Wagen heben wollte, kippt um und rutscht von der Ladefläche. Vor lauter Schreck und vom Gewicht des Korbes überfordert, verliert die Frau das Gleichgewicht und fällt mitsamt den Äpfeln auf den Boden. Reflexartig springe ich nach vorne und greife nach dem Zaumzeug des Esels, damit dieser nicht mit dem ganzen Karren durchbrennt. Glücklicherweise gelingt es mir das Tier ziemlich schnell wieder zu beruhigen. Ich binde en Zügel des Esels an einem Ring an der Hauswand gleich neben mir und wende mich der Bäuerin zu, die immer noch starr vor Schreck inmitten Ihrer Äpfel liegt. Sie schaut mich mit grossen Augen an und versucht etwas zu sagen, doch sie bringt keinen Laut von sich. Ich strecke ihr meine Hand entgegen um ihr beim aufstehen zu helfen. Glücklicherweise hat sie den Sturz unverletzt überstanden, so dass sie nach wenigen Augenblicken wieder auf ihren eigenen Beinen steht. Sie schaut mich noch immer mit weit aufgerissenen Augen an und stammelt "V-vi-vi-vielen d-d-dank, jju-junger M-Mann". "Keine Ursache, ist gerne geschehen" sage ich und beginne die am Boden zerstreuten Äpfel einzusammeln. Als der Korb wieder voll ist biete ich der Bäuerin an, die anderen Körbe und Säcke, welche mit Kartoffeln, Karotten und grünen Bohnen gefüllt sind, von Ihrem Wagen herunter zu heben und sie nimmt mein Angebot dankend an.
Ganz so uneigennützig wie dies nun scheinen mag, ist mein Handeln aber nicht. Wie ich erwartet hatte, ist mir diese alte Frau für meine Hilfe unendlich dankbar. "Wie kann ich Ihnen nur danken, edler Herr?" fragt sie. 'Edler Herr', so wurde ich noch nie angesprochen und in meinen schäbigen Kleidern fühlte ich mich auch nicht wirklich als ein solcher. "Nichts zu danken", erwiedere ich mit einem Lächeln, "einer Frau in Nöten zu helfen ist für einen tugendhaften Mann eine Ehre". Als Dank bietet Sie mir etwas von Ihren Früchten und Gemüse an, was ich natürlich gerne annehme. Drei Äpfel, fünf Kartoffeln, vier Möhren und ein Stück Ziegenkäse legt sie mir in meine Jacke, die ich kurzerhand zur Tasche umfunktioniert habe. "Mehr kann ich Ihnen leider nicht geben" sagt sie, "mein Mann wird furchtbar wütend wenn ich mit zuwenig Geld nach Hause komme. Wir brauchen jedes Broncestück um unseren Zehnten zu bezahlen. Ich hoffe sie können mich verstehen".
"Ich danke Ihnen vielmals" entgegne ich, "das was Sie mir hier gegeben haben ist mehr als man in dieser Zeit erwarten darf. Und es ist für mich viel mehr wert als ein par Broncestücke". Zufrieden und mit einem Lächeln verabschiede ich mich von der alten Frau und mache mich auf den Heimweg. 'Wenn nur jeder Tag so beginnen würde' denke ich. Sie Sonne ist noch nicht aufgegangen und ich habe bereits etwas zu Essen und immer noch gleich viel Geld in der Tasche wie beim verlassen meiner Kammer.
In meiner bescheidenen Behausung angekommen, setzte ich mich auf mein Bett und biss genüslich in einen der Äpfel. So gut hat mir mein Frühstück schon lange nicht mehr geschmeckt. Nachdem ich auch noch etwas vom Ziegenkäse gegessen habe, wickle ich das restliche Essen in ein stück Jutte ein und hängte es an einer Schnur an die Decke, damit die Ratten es nicht erreichen könnten. Die Biester sind zwar sehr gute Kletterer, aber an der Decke gehen, wie Spinnen und Fliegen, können sie zum Glück aber nicht.

--== Fortsetzung folgt ==--

Angryminer
16-07-2004, 22:51
/me spendet etwas positives featback:
Wirklich gut :go: .

Angryminer

King Arthur
31-08-2004, 18:47
@cygro: Du hast zwar erst 3 Beiträge im gesamten Forum geschrieben, aber diese übertreffen in Qualität und einfallsreichtum Fast alle Beiträge die ich gelesen habe!
Deine Geschichte ist wohl durchdacht und hat definitiv keine logischen lücken. DU beschreibst die Umgebung so, das man sie sich vorstellen kann und triffst auch die zustände im Mittelalter hervorragend. Ich weiß nicht ob du die Bücher von Hohlbein gelesen hast, aber wenn du so weiter machst wird es gar nicht lange dauern und du schreibst so gut wie Er!
Ein ganz großes Lob an dich.
:cheers:
Herzlichst
King Arthur

HappyAdolf
04-09-2004, 22:37
Japp.
Ich kenn ein paar Bücher von Wolfgang Hohlbein. Kommt zwar noch nicht ganz an seine ran, aber denk schon mal an eine Karriere als Schriftsteller nach ;)